Meine Hündin soll einmal in ihrem Leben Welpen bekommen:
- Angela Hartmann
- 15. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Verantwortung in der Hundezucht
Hiermit möchte ich auf einige wichtige Themenbereiche in der Hundezucht aufmerksam machen.
Ihr möchtet eure Hündin decken lassen? Dann sollten wir zunächst über die grundlegenden Anforderungen sprechen. Hundezucht bedeutet weit mehr, als zwei Hunde miteinander zu verpaaren. Sie erfordert Fachwissen, Zeit, finanzielle Rücklagen, geeignete Räumlichkeiten und die Bereitschaft, Verantwortung für die Hündin und die Welpen zu übernehmen – von der Planung der Verpaarung bis weit über die Abgabe der Welpen hinaus.
1. Sachkunde und Fachwissen
Ein wichtiger Punkt ist die Sachkunde sowie euer Wissen rund um:
rassespezifische Erkrankungen
Deckakt und Fortpflanzung
Trächtigkeit
Geburt
Aufzucht der Welpen
Beratung der zukünftigen Familien
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich durch Seminare, Fortbildungen und Fachliteratur weiterzubilden. Denn als Züchter solltet ihr eure Hündin während der gesamten Zeit begleiten, unterstützen, stärken und ihr helfen können. Im Notfall müsst ihr zudem in der Lage sein, angemessen zu handeln.
Eine Hündin sollte die Geburt nicht völlig allein bewältigen müssen. Die Anwesenheit einer gut vorbereiteten Bezugsperson kann während der Geburt und in den ersten Lebenstagen der Welpen entscheidend sein. Unterstützung kann dabei helfen, Komplikationen frühzeitig zu erkennen und im Ernstfall das Überleben der Welpen zu sichern.
Dieses Wissen erlangt man nicht nur durch Theorie, sondern auch durch den Austausch mit erfahrenen Züchtern, das Studium von Fachmaterialien sowie das Anschauen von Lehrvideos und Erfahrungsberichten.
2. Zusammenarbeit mit dem Tierarzt
Besprecht eure Zuchtpläne frühzeitig mit eurem Tierarzt:
Kann die Trächtigkeit medizinisch überwacht werden?
Ist der Tierarzt auch nachts oder am Wochenende erreichbar?
Besteht die Möglichkeit eines Kaiserschnitts im Notfall?
Welche Kosten können während der Trächtigkeit, Geburt oder bei Komplikationen entstehen?
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Eklampsie. Lasst euch erklären, wie ihr dieser Erkrankung vorbeugen könnt, welche Risikofaktoren bestehen und woran ihr erste Anzeichen erkennt. Eine frühzeitige Erkennung kann lebensrettend sein.
3. Zeitliche und räumliche Voraussetzungen
Ein weiterer entscheidender Punkt sind die zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten.
Wer einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht und täglich viele Stunden außer Haus ist, sollte kritisch hinterfragen, ob die Aufzucht eines Wurfes tatsächlich verantwortungsvoll umsetzbar ist. Eine trächtige Hündin sollte spätestens etwa 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin nicht mehr über längere Zeit alleine gelassen werden. Auch nach der Geburt muss die Betreuung von Hündin und Welpen rund um die Uhr gewährleistet sein.
Wer beispielsweise acht Stunden arbeitet, zusätzlich Fahrzeiten hat und noch Einkäufe oder andere Verpflichtungen erledigen muss, ist schnell zehn Stunden oder länger außer Haus. Rechnet man ausreichend Schlaf hinzu, bleibt nur wenig Zeit für Haushalt, Versorgung der Hunde, Reinigung der Wurfbereiche, Gesundheitskontrollen, Sozialisierung und die Betreuung der Welpen. Dies wird den Bedürfnissen von Hündin und Nachwuchs in der Regel nicht gerecht.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die zeitliche Verpflichtung nach der Geburt. Welpen dürfen frühestens im Alter von acht Wochen von ihrer Mutter und ihren Geschwistern getrennt werden. Das bedeutet, dass ihr nicht nur die letzten zwei Wochen der Trächtigkeit intensiv begleiten müsst, sondern auch die gesamte Aufzuchtzeit der Welpen.
In der Praxis solltet ihr daher mindestens zehn Wochen einplanen, in denen eine zuverlässige und intensive Betreuung sichergestellt ist. Während dieser Zeit müssen die Hündin und die Welpen versorgt, beobachtet und begleitet werden. Hinzu kommen regelmäßige Reinigung, Gewichtskontrollen, Gesundheitsüberwachung, Sozialisierungsmaßnahmen sowie die Betreuung von Interessenten und zukünftigen Welpenfamilien.
Wer diese Zeit nicht selbst vollständig abdecken kann, benötigt ein gut organisiertes Netzwerk aus vertrauenswürdigen und sachkundigen Personen, die die Versorgung und Betreuung zuverlässig übernehmen können. Die Aufzucht eines Wurfes ist nicht mit einigen freien Tagen oder einzelnen Urlaubstagen getan, sondern erfordert über mehrere Wochen hinweg eine durchgehende und verantwortungsvolle Betreuung.
Ebenso wichtig sind die räumlichen Voraussetzungen.
Wo soll die Hündin ihre Welpen zur Welt bringen? Gibt es einen ruhigen, sicheren und ausreichend großen Bereich, in dem sie sich wohlfühlen kann? Haben die Welpen später genügend Platz, um ihre Umwelt zu erkunden und wichtige Erfahrungen zu sammeln?
Der Hündin sollte eine ihrer Größe entsprechende Wurfbox zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sind eine Kontrolle der Umgebungstemperatur, Maßnahmen zur Wärmeerhaltung der Welpen sowie Sicherheitsvorkehrungen wie Abstandshalter in der Wurfbox erforderlich, um Verletzungen oder ein versehentliches Erdrücken der Welpen zu vermeiden.
Bei einer großen Rasse wie dem Weimaraner mit einer Widerristhöhe von über 60 cm sind nach den geltenden Vorgaben mindestens 8 m² für die Hündin sowie zusätzlich 4 m² für den Wurf vorzusehen. Dies stellt lediglich die Mindestanforderung dar. Viele der häufig gezeigten kleinen Welpenlaufställe oder provisorischen Abtrennungen erfüllen diese Anforderungen nicht und bieten weder der Hündin noch den Welpen ausreichend Platz für eine artgerechte Aufzucht.
Darüber hinaus benötigen die Welpen täglich intensiven Kontakt zu ihren Betreuungspersonen. Allein die Versorgung, Beobachtung und Beschäftigung der Welpen nimmt mehrere Stunden pro Tag in Anspruch. Wer werktags den Großteil des Tages außer Haus verbringt, wird diesen Anforderungen nur schwer gerecht werden können.
Welpen müssen während ihrer Entwicklung unterschiedliche Umweltreize kennenlernen und verschiedene Sozialisierungs- und Prägungsphasen durchlaufen. Dazu gehören beispielsweise unterschiedliche Untergründe, Geräusche, Menschen, Alltagssituationen und neue Umgebungen. Diese wichtige Frühprägung kann nicht ausschließlich im Wohnzimmer stattfinden. Da die Erfahrungen in den ersten Lebenswochen das spätere Verhalten der Hunde maßgeblich beeinflussen, sollte die Aufzucht und Sozialisierung von Anfang an gut geplant und verantwortungsvoll umgesetzt werden.
4. Die Hündin
Die Hündin ist das Herzstück jeder Zucht. Deshalb sollte vor einer Verpaarung ehrlich geprüft werden, ob sie sowohl körperlich als auch geistig reif für einen Wurf ist.
Fragt euch:
Ist meine Hündin gesundheitlich für die Zucht geeignet?
Ist sie charakterlich gefestigt und sozial sicher?
Liegt eine vollständige und nachvollziehbare Abstammung vor?
Können problematische Verpaarungen wie enge Linienzucht oder Inzucht ausgeschlossen werden?
Ebenso wichtig sind die gesundheitlichen Untersuchungen vor der Zucht. Aktuell werden häufig lediglich die Mindestanforderungen erfüllt, beispielsweise Untersuchungen auf Hüftgelenksdysplasie (HD), Ellenbogendysplasie (ED), ein Augencheck sowie ein DNA-Profil.
Aus meiner Sicht sollten diese Untersuchungen jedoch nur die Grundlage darstellen. Je nach Rasse gibt es weitere bekannte Erkrankungen und Risiken, die durch zusätzliche Untersuchungen abgeklärt werden können. Für mich persönlich gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, auf einen umfassenden Gesundheitscheck zu verzichten. Leider wird dies oftmals mit den entstehenden Kosten begründet. Wer jedoch an den Gesundheitsuntersuchungen spart, spart am falschen Ende – denn die Gesundheit der Hündin und der zukünftigen Welpen sollte immer an erster Stelle stehen.
Neben der körperlichen Gesundheit spielt auch das Wesen der Hündin eine entscheidende Rolle. Sie wird ihre Welpen nicht nur säugen und versorgen, sondern ihnen auch wichtige Verhaltensweisen vermitteln. Die Welpen orientieren sich in den ersten Lebenswochen maßgeblich an ihrer Mutter. Sie lernen durch sie den Umgang mit ihrer Umwelt, mit Menschen und mit neuen Situationen.
Die Hündin prägt ihre Welpen somit wesentlich für deren späteres Leben. Deshalb sollte sie nicht nur gesund, sondern auch wesensfest, belastbar und sozial kompetent sein.
Diese Verantwortung tragt ihr als Besitzer und Züchter. Ihr entscheidet darüber, welche Hündin zur Zucht eingesetzt wird, und legt damit den Grundstein für das Leben der zukünftigen Welpen. Verantwortung in der Hundezucht bedeutet daher auch, kritisch zu hinterfragen, ob die eigene Hündin tatsächlich die Voraussetzungen für eine Verpaarung mitbringt – und im Zweifel auf einen Wurf zu verzichten.
5. Der Deckrüde
Bei der Auswahl des Deckrüden gelten grundsätzlich die gleichen Maßstäbe wie bei der Hündin. Auch der Rüde sollte gesundheitlich untersucht, charakterlich beurteilt und hinsichtlich seiner Abstammung sorgfältig geprüft werden.
Dazu gehören nicht nur die vorgeschriebenen Untersuchungen, sondern nach Möglichkeit auch weiterführende Gesundheitschecks. Darüber hinaus sollte ein aktuelles Spermiogramm vorliegen. Es gibt Aufschluss über die Fruchtbarkeit des Rüden und kann helfen, unnötige Wiederholungsdeckungen oder Enttäuschungen zu vermeiden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Häufigkeit, mit der ein Deckrüde in der Zucht eingesetzt wird.
Aus meiner Sicht sollten Deckrüden nicht unbegrenzt und nicht übermäßig häufig eingesetzt werden. Ständige Wurfwiederholungen oder ein massenhafter Einsatz einzelner Rüden tragen nicht zum langfristigen Erhalt einer Rasse bei. Vielmehr entsteht dabei schnell der Eindruck, dass wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als die genetische Vielfalt der Population.
Jeder Wurf hinterlässt genetische Spuren in einer Rasse. Wird ein einzelner Rüde sehr häufig eingesetzt, erhöht sich sein genetischer Einfluss überproportional. Werden beispielsweise 60 Würfe mit demselben Rüden gezogen, können im schlimmsten Fall zahlreiche Linien innerhalb einer Population miteinander verwandt sein. Die genetische Vielfalt nimmt dadurch langfristig ab, während gleichzeitig das Risiko steigt, dass sich unerwünschte Erbanlagen unbemerkt in der Population verbreiten.
Oft hört man den Satz: „Ein Deckrüde nutzt sich nicht ab wie ein Stück Seife.“ Das mag biologisch betrachtet richtig sein, entspricht jedoch nicht meiner Philosophie der Zucht. Für mich tragen Rüden und Hündinnen gleichermaßen Verantwortung für die Zukunft einer Rasse. Deshalb sollten auch Deckrüden mit Bedacht, Augenmaß und Weitblick eingesetzt werden.
Ich halte es für wichtig, den Einsatz von Deckrüden bewusst zu begrenzen und nicht einzelne Tiere zu stark in einer Population zu verbreiten. Nur so können genetische Vielfalt, langfristige Gesundheit und die Zukunft einer Rasse erhalten werden.
Verantwortungsvolle Zucht bedeutet nicht, möglichst viele Würfe mit einem erfolgreichen Rüden zu erzielen, sondern die Entwicklung der gesamten Population im Blick zu behalten. Dazu gehört auch die Bereitschaft, weniger bekannte, aber geeignete Rüden in die Zucht einzubeziehen und genetische Vielfalt aktiv zu fördern.
Fazit
Verantwortungsvolle Hundezucht beginnt lange vor dem Deckakt. Sie beginnt mit Wissen, Planung, Selbstreflexion und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Wer seine Hündin belegen lassen möchte, sollte sich nicht fragen, ob Welpen niedlich sind oder ob sich Interessenten finden lassen. Die entscheidenden Fragen lauten vielmehr:
Habe ich das notwendige Wissen? Habe ich ausreichend Zeit? Verfüge ich über die nötigen räumlichen und finanziellen Möglichkeiten? Sind meine Hündin und der ausgewählte Deckrüde gesundheitlich und charakterlich für die Zucht geeignet? Und bin ich bereit, Verantwortung für jedes einzelne Leben zu übernehmen, das ich bewusst in die Welt setze?
Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst viele Welpen zu produzieren. Es geht darum, gesunde, wesensfeste Hunde zu züchten und damit einen positiven Beitrag zum langfristigen Erhalt der Rasse zu leisten.


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